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Wir werden jeden Tag mit Situationen konfrontiert,
auf die wir keine klare Antwort mehr haben.

Was früher selbstverständlich war, beginnt zu verschwimmen.
Zusammenhänge lösen sich auf, während neue entstehen,
die wir noch nicht greifen können.

Wir reagieren, entscheiden, handeln –
aber immer öfter mit dem Gefühl,
dass uns etwas Entscheidendes fehlt.

Es ist die Fülle.
Und es ist die Geschwindigkeit,
die uns den Atem nimmt.

Vor allem aber ist es eine Frage der Kommunikation.

Was sich verändert, lässt sich nicht mehr nur in abgeschlossenen Texten festhalten.
Es braucht eine Form, die mitgeht.

Diese Essays sind ein Versuch,
genau dort anzusetzen.

Sie greifen das auf,
was sich gerade verschiebt –
im Denken, im Alltag, in unserer Art, die Welt zu verstehen.

Wenn du neu hier bist, beginne hier:

👉 [Warum ich der Komplexität noch keinen Friedensvertrag angeboten habe]

Eine Box die glücklich macht

Seit dem 12. August 2026 gilt in der Europäischen Union die neue Verpackungsverordnung.

Und bevor jetzt das übliche EU-Bashing beginnt: Die Idee dahinter ist richtig.

Sogar überfällig.

Wir bestellen heute Waren in Mengen, die vor zwanzig Jahren kaum vorstellbar gewesen wären. Unser Postbote fährt inzwischen ein immer größeres Auto. Nicht weil die Briefe größer geworden sind, sondern weil fast nur noch Pakete kommen.

Das ist bequem.

Gerade dort, wo der Einzelhandel nicht jedes Produkt vorhalten kann, ist es oft einfacher, etwas zu bestellen, als einen halben Tag damit zu verbringen, verschiedene Geschäfte abzufahren.

Nur hat diese Bequemlichkeit eine materielle Rückseite.

Wir kaufen immer zwei Dinge

Wenn ich einen Akkuschrauber, ein Buch oder eine Kaffeemaschine bestelle, kaufe ich nicht nur das Produkt.

Ich kaufe gleichzeitig das Material, das notwendig ist, damit dieses Produkt unbeschädigt bei mir ankommt.

Da ist die Verkaufsverpackung. Vielleicht Kunststoffformteile. Ein Beutel. Ein Umkarton. Dann kommt der Versandkarton dazu. Füllmaterial. Klebeband. Etiketten.

Am Ende halte ich den Akkuschrauber in der Hand.

Und der Rest landet im Müll.

Dieser Müll verschwindet natürlich nicht.

Er muss eingesammelt, transportiert, sortiert und verwertet werden. Und diese Kosten entstehen ausgerechnet dort, wo das Paket seine Reise beendet.

Irgendjemand muss sie bezahlen.

Genau deshalb ist es vollkommen vernünftig, denjenigen stärker in die Verantwortung zu nehmen, der diese Verpackung überhaupt erst in Umlauf gebracht hat.

Das ist die gute Idee hinter der neuen europäischen Verpackungsverordnung.

Dann kommen die Details.

Und wie so häufig wohnt der Teufel genau dort.

Stellen wir uns zwei Start-ups vor

Beide haben gemeinsam eine ziemlich geniale Idee entwickelt.

Das erste Unternehmen entwickelt eine App, die Gesundheits- und Vitaldaten auswerten kann. Das zweite entwickelt die dafür notwendige Hardware: einen kleinen Ring, einen Ohrstecker oder irgendein anderes Wearable.

Das Beispiel ist erfunden.

Die wirtschaftliche Konstruktion dahinter ist es nicht.

Das erste Start-up stellt seine Software fertig.

Es geht online.

Deutschland? Kein Problem.

Spanien? Frankreich? Italien?

Willkommen im europäischen Binnenmarkt.

Natürlich gibt es auch für digitale Produkte Vorschriften. Aber das Produkt selbst muss nicht in einen Karton, nicht auf einen Lastwagen und nicht über eine Landesgrenze transportiert werden.

Das zweite Start-up hat ein Problem.

Sein Produkt ist real.

Es muss zum Kunden.

Und damit braucht es eine Verpackung.

Aus 27 Märkten wird plötzlich wieder Europa

Genau hier kann es für kleine Unternehmen unangenehm werden.

Denn die Verantwortung für Verpackungen muss beim grenzüberschreitenden Handel administriert werden. Registrierung, Beteiligung an Systemen der erweiterten Herstellerverantwortung, Mengenmeldungen und je nach Konstellation Vertretungen verursachen Aufwand und Fixkosten.

Für einen Konzern ist das lästig.

Für einen Kleinsthersteller kann es existenziell sein.

Amazon verteilt solche Kosten auf Millionen Sendungen.

Ein Start-up vielleicht auf fünfzig.

Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Dabei sollte eigentlich genau das Gegenteil die Stärke des europäischen Binnenmarktes sein.

Ein kleines Unternehmen entwickelt ein gutes Produkt und muss nicht darauf warten, dass der deutsche Markt groß genug dafür ist.

Es hat einen europäischen Markt.

450 Millionen Menschen.

Zumindest theoretisch.

Denn wenn ich für den Verkauf meiner ersten zwanzig Produkte nach Spanien, meiner ersten zehn nach Frankreich und meiner ersten dreißig nach Italien jeweils einen erheblichen regulatorischen Aufwand betreiben muss, entsteht eine absurde Situation:

Nicht das Produkt ist zu teuer.

Der erste Kunde ist zu teuer.

Und dann kommt Amazon

Was macht unser Start-up?

Es könnte auf den europäischen Markt verzichten.

Es könnte versuchen, irgendwie groß genug zu werden, bevor es europaweit verkauft.

Oder es geht dorthin, wo die Infrastruktur bereits vorhanden ist.

Zu Amazon. Zu einem großen Händler. Zu einer Plattform.

Und plötzlich passiert etwas Merkwürdiges.

Eine Verordnung, die unter anderem die Folgen des explosionsartig gewachsenen Waren- und Versandverkehrs beherrschbar machen soll, verschafft ausgerechnet den größten Akteuren dieses Marktes einen zusätzlichen Wettbewerbsvorteil.

Nicht weil das beabsichtigt wäre.

Sondern weil Regulierung Fixkosten erzeugt.

Und Fixkosten lieben Größe.

Für Amazon ist eine Compliance-Abteilung Infrastruktur.

Für den kleinen Hersteller ist sie unbezahlbar.

Damit kann eine ökologisch vernünftige Regulierung unbeabsichtigt zu einem Zentralisierungsprogramm werden.

Je komplizierter der Zugang zu einzelnen Märkten wird, desto wertvoller werden diejenigen Unternehmen, die diesen Zugang bereits organisiert haben.

Das halte ich für gefährlich.

Nicht weil die Verpackungsverordnung falsch wäre.

Sondern weil sie an dieser Stelle noch nicht zu Ende gedacht ist.

Der kleine Seecontainer

Dabei könnte eine Lösung erstaunlich banal aussehen.

Wir haben dieses Problem in der Logistik nämlich schon einmal gelöst.

Mit dem Seecontainer.

Mit der Europalette.

Mit der Getränkekiste.

Warum eigentlich nicht mit dem Paket?

Stellen wir uns fünf, sechs oder acht genormte europäische Transportbehälter vor.

Robust. Wiederverwendbar. Stapelbar. Im Leerzustand ineinanderstellbar oder zusammenklappbar. Mit einem fest verbundenen Deckel, damit dieser nicht nach dem dritten Umlauf irgendwo anders herumliegt.

Jeder Behälter besitzt eine eindeutige Kennung.

Und diese Behälter gehören niemandem und allen.

Genauer gesagt: einem europaweiten Poolsystem.

Ein Händler in Hamburg nimmt Box M.

Er legt seine Ware hinein.

Die Box kommt auf Lanzarote an.

Der Empfänger entnimmt die Ware und gibt die Box zurück.

Die Box muss nicht nach Hamburg zurück.

Vielleicht transportiert sie eine Woche später Ersatzteile von Lanzarote nach Madrid. Danach etwas anderes von Madrid nach Bordeaux.

Sie zirkuliert.

Wie eine Europalette.

Und für den kleinen Händler gibt es eine denkbar einfache Regel:

Benutzt du eine zugelassene Mehrwegbox aus dem europäischen Pool, ist die äußere Transportverpackung für dich regulatorisch erledigt.

Der Poolbetreiber kümmert sich um Mengen, Umläufe, Reparaturen, Verluste und Recycling.

Plötzlich wird aus Bürokratie Infrastruktur.

Und für fünf Pakete?

Daneben braucht es eine zweite Vereinfachung.

Bagatellgrenzen.

Wer fünf Pakete im Jahr nach Spanien schickt, ist nicht Amazon.

Natürlich verursacht auch dessen Verpackung Müll.

Aber eine vernünftige Regulierung muss sich irgendwann die Frage nach der Verhältnismäßigkeit stellen.

Man könnte geringe Mengen über eine einfache europäische Pauschale abrechnen. Oder bestimmte Kleinstmengen von einzelnen administrativen Verpflichtungen befreien.

Ab einer definierten Schwelle greifen die vollständigen Regeln.

Das wäre kein Freibrief zur Umweltverschmutzung.

Es wäre schlicht die Erkenntnis, dass 500 Gramm Verpackungsmaterial nicht mit 500 Tonnen Verpackungsmaterial identisch behandelt werden müssen.

Gute Bürokratie macht sich selbst unsichtbar

Vielleicht ist das überhaupt der interessantere Gedanke.

Wir reden bei Bürokratieabbau häufig darüber, welche Vorschriften man abschaffen könnte.

Dabei kann Bürokratieabbau auch etwas völlig anderes bedeuten:

Eine Vorschrift so gut zu organisieren, dass der Einzelne sie kaum noch bemerkt.

Die Europalette ist dafür ein wunderbares Beispiel.

Niemand muss bei jeder Palette neu darüber nachdenken, wie groß sie sein soll, wie ein Gabelstapler sie aufnehmen kann oder ob sie in einen Lastwagen passt.

Das wurde einmal standardisiert.

Seitdem funktioniert es.

Genau diesen Gedanken könnte Europa auf Transportverpackungen übertragen.

Nicht weniger Kreislaufwirtschaft.

Mehr davon.

Aber organisiert als gemeinsame Infrastruktur.

Denn die Verpackungsverordnung verfolgt ein richtiges Ziel. Die Kosten unseres Konsums dürfen nicht einfach dort abgeladen werden, wo der Müll zufällig anfällt.

Nur darf daraus kein System entstehen, in dem am Ende ausgerechnet diejenigen einen Vorteil besitzen, die ohnehin schon riesig sind.

Sonst passiert etwas, das niemand gewollt haben kann:

Wir schützen die Umwelt.

Und nebenbei bauen wir den europäischen Binnenmarkt für kleine Unternehmen zurück.

Die Lösung kann deshalb nicht lauten, die Verpackungsverordnung wieder abzuschaffen.

Die bessere Frage lautet:

Wie bauen wir sie so um, dass der kleine Händler sie genauso selbstverständlich erfüllen kann wie Amazon?

Vielleicht beginnt die Antwort mit etwas erstaunlich Einfachem.

Einer Box.

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